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Notgroschen: Warum er wichtiger ist als dein ETF-Sparplan

Dein Auto geht kaputt, du hast kein Geld. Was jetzt? Warum der Notgroschen das Fundament deiner Finanzen ist — und wie du ihn aufbaust, ohne dich arm zu sparen.

20. Januar 20267 min read

Montagmorgen, 7:43 Uhr. Dein Auto springt nicht an.

Werkstatt sagt: Lichtmaschine und Zahnriemen. 2.200€. Du brauchst das Auto für den Arbeitsweg. Die Reparatur muss diese Woche passieren.

Jetzt gibt es zwei Szenarien:

Szenario A: Du überweist das Geld von deinem Tagesgeldkonto. Nervig, aber kein Drama. Nächsten Monat fängst du an, den Notgroschen wieder aufzufüllen.

Szenario B: Du hast kein Tagesgeld. Alles steckt im ETF-Depot oder auf dem Girokonto, das sowieso schon bei Null ist. Deine Optionen: Dispo (11,3% Zinsen im Schnitt — Quelle: Smava-Auswertung 2026), ETF-Anteile verkaufen (die gerade 15% im Minus stehen), oder den Eltern erklären, dass du mit 32 noch Geld brauchst.

Das ist kein hypothetisches Szenario. Das passiert jeden Tag. Und es ist der Hauptgrund, warum Leute frustriert mit dem Investieren aufhören, bevor sie richtig angefangen haben.

Der Notgroschen ist kein Nice-to-Have

Ich sage das in aller Deutlichkeit: Wer ohne Notgroschen in ETFs investiert, baut auf Sand. Es ist wie ein Haus ohne Fundament — sieht eine Weile gut aus, bis der erste Sturm kommt.

Der Notgroschen ist die langweiligste Finanzentscheidung, die du treffen wirst. Kein Rendite-Kick, kein Nervenkitzel, keine coolen Charts. Aber er ist die wichtigste, weil er alles andere erst möglich macht. Ohne ihn bist du eine unerwartete Rechnung von einer Kettenreaktion entfernt: Dispo → Schulden → ETFs in Panik verkaufen → Steuern auf Gewinne → frustriert aufgeben.

Wie viel brauchst du?

Die Standardantwort ist 3–6 Monatsausgaben. Das stimmt auch, aber die Spanne ist groß. Hier meine Faustregel:

Deine SituationMonatsausgabenFaktorNotgroschen
Single, fester Job, Mieter1.800€3–4×5.400–7.200€
Paar, ein Verdiener, Kind, Eigenheim3.500€21.000€
Selbstständig, schwankendes Einkommen2.500€6–9×15.000–22.500€

Die Logik dahinter: Je instabiler dein Einkommen und je höher deine fixen Kosten, desto mehr Puffer brauchst du. Ein verbeamteter Single braucht weniger Puffer als ein selbstständiger Familienvater mit Hauskredit.

Notgroschen-Rechner

Passe deine monatlichen Ausgaben an und finde heraus, wie hoch dein Notgroschen sein sollte.

Miete/Wohnen800
Nebenkosten250
Versicherungen200
Lebensmittel400
Mobilität150
Internet/Handy/Sonstiges100
Absicherung4 Monate

Monatliche Fixkosten

1.900 €

Dein Notgroschen-Ziel

7.600 €

Bei 200 € monatlicher Sparrate erreichst du dein Ziel in 38 Monaten.

Was zählt als "Monatsausgaben"?

Nur die Fixkosten — das, was du auch im absoluten Sparmodus zahlen müsstest:

Miete, Nebenkosten, Versicherungen, Lebensmittel, Mobilität, Internet/Handy. Nicht dazu gehören: Sparraten, Restaurantbesuche, Netflix, Gym, Urlaub. Im Notfall streichst du das alles vorübergehend.

Wo parken? Tagesgeld. Punkt.

Es gibt genau einen richtigen Ort für den Notgroschen: ein separates Tagesgeldkonto. Nicht das Girokonto (da gibst du es aus), nicht Festgeld (da kommst du nicht dran), nicht der ETF (da schwankt es).

Warum separat? Psychologie. Geld auf dem Girokonto fühlt sich wie "verfügbar" an. Ein separates Konto bei einer anderen Bank schafft eine mentale Mauer. Du siehst es nicht bei jeder Kontoprüfung, und eine Überweisung dauert 1–2 Tage — genug Reibung, um Impulskäufe zu verhindern, aber schnell genug für echte Notfälle.

Aktuell (Stand: Februar 2026) bekommst du auf guten Tagesgeldkonten 2,0–3,0% Zinsen. Nicht berauschend, aber das ist auch nicht der Zweck. Der Notgroschen soll da sein, wenn du ihn brauchst — nicht reich machen.

Wo der Notgroschen auf keinen Fall hingehört

ETFs oder Aktien: "Aber 2% Tagesgeld vs. 7% ETF-Rendite — da verschenke ich doch Geld!" Ja, rechnerisch stimmt das. Aber stell dir das Worst-Case-Szenario vor: Du verlierst deinen Job. Gleichzeitig crasht der Markt (passiert gern zusammen — Rezession). Dein ETF ist 30% im Minus. Du musst trotzdem Miete zahlen. Also verkaufst du mit Verlust UND zahlst Steuern auf die Gewinne der Vorjahre (Vorabpauschale). Das ist der teuerste Fehler, den du machen kannst.

Krypto: Muss ich erklären, warum Bitcoin mit -50% Schwankungen in einem Quartal kein Notgroschen ist? Dachte ich mir.

Bargeld: 300–500€ Bargeld zu Hause als absolute Notfallreserve (Stromausfall, Bankensystem-Problem) — ja. Mehr nicht. Bargeld verliert an Kaufkraft und ist Diebstahlrisiko.

Aufbau: Schritt für Schritt

1. Zielwert berechnen

Setz dich 15 Minuten hin, addiere deine monatlichen Fixkosten und multipliziere mit deinem Faktor. Schreib die Zahl auf einen Zettel und kleb ihn an den Kühlschrank. Das ist dein Ziel.

2. Tagesgeldkonto eröffnen

10–15 Minuten online, fertig. Achte auf: EU-Einlagensicherung (100.000€), keine Kontoführungsgebühren, ordentliche Zinsen.

3. Dauerauftrag einrichten

Am Tag nach dem Gehaltseingang geht automatisch Geld aufs Tagesgeld. Nicht am Monatsende, wenn "noch was übrig ist" — am Anfang. Pay yourself first. Der Betrag ist erstmal egal: 200€, 100€, 50€. Hauptsache automatisch, hauptsache regelmäßig.

4. Turbo-Boosts nutzen

Steuerrückerstattung (~1.095€ im Durchschnitt laut Statistischem Bundesamt), Weihnachtsgeld, Urlaubsgeld, Geburtstagsgeld, Verkauf von Zeug, das du nicht brauchst — alles rein in den Notgroschen, bis er voll ist.

5. Dann erst investieren

Sobald der Notgroschen steht: Dauerauftrag umleiten auf ETF-Sparplan. Nicht vorher. Auch wenn der Markt gerade "günstig" aussieht. Auch wenn dein Kumpel mit seinem Depot angibt. Erst Fundament, dann Haus.

"Aber ich hab kein Geld zum Sparen"

Kenne ich, höre ich oft. Drei Ansätze:

Ausgaben durchforsten: Klingt banal, aber die meisten Leute haben 100–200€ im Monat in Abos und Gewohnheiten, die sie nicht aktiv nutzen. Zwei Streaming-Dienste, ein Gym-Vertrag für ein Gym, das du seit März nicht besucht hast, ein Handyvertrag, der 15€ zu teuer ist. Mach einen Nachmittag lang die Kontoauszüge der letzten 3 Monate durch. Jede Abbuchung, die du nicht sofort verteidigen kannst: weg.

Einnahmen prüfen: Steuererklärung gemacht? Steuerklasse bei Paaren optimal? Das allein kann dreistellige Beträge im Monat ausmachen.

Klein anfangen: 25€ im Monat sind lächerlich wenig? In zwei Jahren hast du 600€. Das reicht für eine kaputte Waschmaschine. In vier Jahren 1.200€. Das reicht für eine Autoreparatur. Der Punkt ist nicht der Betrag, der Punkt ist die Gewohnheit.

Notgroschen aufgebraucht — und jetzt?

Wenn du ihn für einen echten Notfall gebraucht hast: Glückwunsch, genau dafür war er da. Das System hat funktioniert. Jetzt:

  1. ETF-Sparplan pausieren (ja, wirklich)
  2. Dauerauftrag aufs Tagesgeld wieder einrichten
  3. Notgroschen auf mindestens 50% auffüllen, dann Sparplan wieder starten
  4. Analyse: War das ein echter Notfall — oder etwas, das du hättest planen können? Wenn Letzteres, leg dir einen separaten "geplante Ausgaben"-Topf an

Die fünf häufigsten Fehler

Das geht schief

Den Notgroschen in den ETF stecken, "weil Tagesgeld ja nur 2% bringt." Renditeoptimierung am falschen Ort. Die 5% Differenz zwischen Tagesgeld und ETF auf 10.000€ sind 500€ im Jahr. Die Kosten eines erzwungenen ETF-Verkaufs im Crash: mehrere Tausend. Schlechter Deal.

Notgroschen auf dem Girokonto lassen. Geld, das sichtbar ist, wird ausgegeben. Separates Konto ist Pflicht.

Zu wenig. 1.000€ sind kein Notgroschen. Das ist eine größere Autoreparatur. Drei Monatsausgaben sind das Minimum.

Zu viel. 50.000€ auf dem Tagesgeld, obwohl 12.000€ reichen würden? Die restlichen 38.000€ verschenken bei 2% Tagesgeld vs. ~7% ETF über 20 Jahre rund 60.000€ an Opportunitätskosten. Irgendwann muss das Geld arbeiten.

Notgroschen für Nicht-Notfälle anzapfen. Ein neues iPhone ist kein Notfall. Ein Spontanurlaub ist kein Notfall. Eine Playstation ist kein Notfall. Notfälle sind: Jobverlust, dringende Reparaturen, medizinische Kosten, unvorhergesehene Rechnungen. Alles andere hat einen eigenen Spartopf verdient.

Notgroschen und Schulden — die Reihenfolge

Wenn du gleichzeitig Schulden hast und keinen Notgroschen, wird es tricky. Meine Empfehlung:

Dispo/Kreditkarte (>10% Zinsen): Erst Mini-Notgroschen von 1.000€, dann aggressiv die Schulden tilgen. Dispo-Zinsen von 11,3% (Durchschnitt laut Verivox, Stand 2026) sind so teuer, dass sie jede andere Finanzstrategie torpedieren.

Konsumkredit (3–8% Zinsen): Parallel aufbauen. 50% in Notgroschen, 50% in Tilgung.

Immobilienkredit / Studienkredit (unter 3%): Vollen Notgroschen aufbauen, dann parallel tilgen und investieren. Günstige Schulden sind mathematisch kein Problem — erst Fundament sichern, dann optimieren.

Mein persönlicher Ansatz

Ich halte 4 Monatsausgaben auf einem separaten Tagesgeldkonto. Dazu 500€ bar zu Hause. Das reicht für meinen Fall (angestellt, keine Kinder, Mieter) völlig aus. Alles darüber fließt in den ETF-Sparplan. Und ja, ich ärgere mich manchmal über die "verschenkte" Rendite. Aber ich schlafe gut — und das ist unbezahlbar.

Quellen

  • Smava/Verivox: Durchschnittliche Dispozinsen Deutschland, Januar 2026 (11,3%)
  • Statistisches Bundesamt: Durchschnittliche Steuererstattung Deutschland
  • Deutsche Bundesbank: Einlagensicherung und Tagesgeldzinsen

Berechne mit unserem Zinseszinsrechner, wie sich dein Notgroschen auf dem Tagesgeld über die Jahre entwickelt.