Der Zinseszins: Warum er dein mächtigstes Werkzeug ist (mit Mathe)
10.000€ werden zu 76.000€ — ohne dass du einen Finger rührst. So funktioniert der Zinseszins, warum Zeit wichtiger ist als Geld, und was die 72er-Regel ist.
700€ im ersten Jahr. 4.980€ im dreißigsten. Gleicher Zinssatz.
Das ist der Zinseszins in einer Zeile. Es gibt in der gesamten Finanzwelt kein Konzept, das wichtiger ist als dieses — und keines, das so systematisch unterschätzt wird.
Das Prinzip: Du erhältst Zinsen (oder Rendite) nicht nur auf dein eingezahltes Geld, sondern auch auf die Zinsen, die du bereits verdient hast. Deine Gewinne erzeugen Gewinne, die wiederum Gewinne erzeugen. Exponentielles Wachstum — und exponentiell ist der Grund, warum Menschen den Zinseszins systematisch unterschätzen.
Zinseszins-Simulator
Schiebe die Regler und beobachte, wie sich dein Kapital entwickelt.
Einzahlung
10.000 €
Zinsertrag
+66.123 €
Endwert
76.123 €
Das Rechenbeispiel, das alles erklärt
10.000€ Startkapital. 7% Rendite pro Jahr. Kein weiteres Geld eingezahlt. Was passiert?
| Jahr | Kapital zu Jahresbeginn | Zinsen | Kapital am Jahresende |
|---|---|---|---|
| 1 | 10.000€ | 700€ | 10.700€ |
| 5 | 13.108€ | 918€ | 14.026€ |
| 10 | 18.385€ | 1.287€ | 19.672€ |
| 20 | 36.165€ | 2.532€ | 38.697€ |
| 30 | 71.143€ | 4.980€ | 76.123€ |
Im ersten Jahr: 700€ Zinsen. Im dreißigsten Jahr: 4.980€ — bei exakt dem gleichen Zinssatz. Der Betrag, auf den die 7% berechnet werden, ist einfach viel größer geworden. Das ist die ganze Magie.
Zum Vergleich: Bei einfachem Zins (ohne Zinseszins) hättest du nach 30 Jahren nur 31.000€. Der Zinseszins bringt dir 45.000€ extra — ohne dass du irgendetwas tust.
Mein Lieblingsfakt dazu: In den letzten 10 Jahren (Jahr 20–30) wächst das Kapital um 37.426€. Das ist mehr als in den ersten 20 Jahren zusammen (28.697€). Der Zinseszins beschleunigt sich, je länger du ihm Zeit gibst.
Die 72er-Regel: Verdopplung im Kopf berechnen
Als Mathe-Nerd liebe ich einfache Faustregeln. Die 72er-Regel ist die beste:
72 ÷ Zinssatz = Jahre bis zur Verdopplung
| Rendite | Verdopplung nach | Beispiel |
|---|---|---|
| 2% | 36 Jahren | Tagesgeld |
| 3% | 24 Jahren | Festgeld |
| 7% | 10,3 Jahren | Welt-ETF |
| 10% | 7,2 Jahren | Historisch US-Aktien |
36 Jahre
Verdopplung bei 2% (Tagesgeld)
10 Jahre
Verdopplung bei 7% (Welt-ETF)
7 Jahre
Verdopplung bei 10%
Das bedeutet konkret: 10.000€ im Welt-ETF werden nach 10 Jahren zu 20.000€, nach 20 Jahren zu 40.000€, nach 30 Jahren zu 80.000€. Jede Verdopplung ist absolut doppelt so viel wert wie die vorherige. Die dritte Verdopplung bringt 40.000€ — so viel wie die ersten beiden zusammen.
Die 72er-Regel funktioniert gut bei Zinssätzen zwischen 2% und 15%. Darunter und darüber wird sie ungenauer, aber als Kopfrechenhilfe beim Bier ist sie unschlagbar.
Warum Zeit wichtiger ist als Geld
Hier wird es richtig spannend — und hier unterschätzen die meisten Leute den Zinseszins am meisten.
Zwei Personen, beide 7% Rendite:
Anna startet mit 25 und investiert 200€ pro Monat bis 65 (40 Jahre). Markus startet mit 35 und investiert 400€ pro Monat (doppelt so viel!) bis 65 (30 Jahre).
| Anna | Markus | |
|---|---|---|
| Monatliche Sparrate | 200€ | 400€ |
| Ansparzeit | 40 Jahre | 30 Jahre |
| Eingezahlt | 96.000€ | 144.000€ |
| Endkapital | ~528.000€ | ~487.000€ |
Anna zahlt 48.000€ weniger ein — und hat trotzdem 41.000€ mehr. Weil der Zinseszins in ihren letzten 10 Jahren so brutal zuschlägt, dass Markus mit dem doppelten Sparbetrag nicht mithalten kann.
Das ist für mich die wichtigste Erkenntnis in der gesamten Finanzplanung: Der Zeitpunkt, an dem du anfängst, ist wichtiger als der Betrag, den du investierst. 50€ ab sofort schlagen 200€ ab in fünf Jahren.
Die Kosten des Wartens
Noch eine Rechnung, die wehtut. 10.000€ Einmalanlage bei 7%:
- Start mit 25 → Endwert mit 65: 149.745€
- Start mit 30 → Endwert mit 65: 106.766€ (−43.000€)
- Start mit 35 → Endwert mit 65: 76.123€ (−73.600€)
- Start mit 40 → Endwert mit 65: 54.274€ (−95.500€)
Fünf Jahre warten kostet 43.000€. Zehn Jahre kosten 73.600€. Die Mathematik verhandelt nicht.
Der Zinseszins beim Sparplan
Einmalanlage ist schön und gut — aber die meisten investieren monatlich über einen Sparplan. Auch da wirkt der Zinseszins, nur ungleichmäßig: Die ersten Einzahlungen haben die meiste Zeit zum Wachsen, die letzten fast keine.
200€ monatlich, 30 Jahre, 7% Rendite:
- Eingezahlt: 72.000€
- Endkapital: ~244.000€
- Davon Zinseszins: ~172.000€
Der Zinseszins macht 70% des Endvermögens aus. Du zahlst weniger als ein Drittel selbst ein — den Rest erledigt die Zeit.
Was den Zinseszins bremst
Hohe Gebühren. Jeder Prozentpunkt Fondsgebühren wird direkt vom Zinseszins abgezogen. Der Unterschied zwischen 0,2% TER (ETF) und 1,5% (aktiver Fonds) sind über 30 Jahre zehntausende Euro. Ich habe das im Anfängerfehler-Artikel durchgerechnet — 345.000€ Unterschied bei 100.000€ Startkapital.
Steuern. Die Abgeltungssteuer von ~26,4% reduziert deine effektive Rendite. Nutze den Sparerpauschbetrag (1.000€ Singles) und investiere in thesaurierende ETFs für maximale Steuerstundung.
Inflation. Bei 2% Inflation und 7% Nominalrendite bleiben real 5%. Immer noch stark — aber weniger als die 7%, die auf dem Papier stehen.
Unterbrechungen. Wer sein Portfolio verkauft und später neu einsteigt, unterbricht den Zinseszins UND realisiert Steuern. Doppelter Schaden.
Früh anfangen. Wichtigster Hebel. Fang mit dem an, was du hast.
Erträge reinvestieren. Thesaurierende ETFs machen das automatisch. Bei ausschüttenden ETFs musst du die Dividenden manuell reinvestieren.
Kosten minimieren. Günstiger ETF + kostenloser Sparplan. Jeder gesparte Euro Gebühren arbeitet für dich.
Sparrate erhöhen. Jede Gehaltserhöhung ist eine Chance. Meine Regel: Mindestens 50% jeder Gehaltserhöhung geht in den Sparplan.
Der Zinseszins bei verschiedenen Anlageformen
10.000€ über 20 Jahre, verschiedene Durchschnittsrenditen:
| Anlageform | Rendite | Endkapital | Gewinn durch Zinseszins |
|---|---|---|---|
| Girokonto | 0,0% | 10.000€ | 0€ |
| Tagesgeld | 2,0% | 14.859€ | 4.859€ |
| Festgeld | 2,5% | 16.386€ | 6.386€ |
| Anleihen-ETF | 3,5% | 19.898€ | 9.898€ |
| Welt-ETF | 7,0% | 38.697€ | 28.697€ |
Der Unterschied zwischen 2% und 7% sieht auf ein Jahr klein aus: 200€ vs. 700€ bei 10.000€. Über 20 Jahre macht der Zinseszins daraus 24.000€ Unterschied. Das ist der Grund, warum es langfristig so wichtig ist, in renditestarke Anlagen zu investieren — und warum das Girokonto dein größter Feind ist.
Drei Denkfehler, die den Zinseszins sabotieren
"Ich fange an, wenn ich mehr verdiene." Der teuerste Denkfehler. Wie ich oben vorgerechnet habe: Zeit schlägt Geld. 50€ ab sofort sind mathematisch besser als 200€ ab in fünf Jahren.
"Bei so kleinen Beträgen lohnt sich das nicht." 25€ im Monat über 30 Jahre bei 7% = rund 30.500€. Bei nur 9.000€ Eigeneinzahlung. Und wer einmal angefangen hat, erhöht die Rate fast immer.
"Ich muss den perfekten Zeitpunkt abwarten." Market Timing funktioniert nicht — auch nicht für Profis. Ein Sparplan eliminiert das Timing-Problem komplett.
Fazit: Die Formel ist simpel
Die wichtigste Formel in der Geldanlage ist nicht Black-Scholes oder das CAPM. Es ist:
Endvermögen = Startkapital × (1 + Rendite)^Zeit
Drei Variablen. Auf zwei davon hast du Einfluss: Startkapital (bzw. Sparrate) und Zeit. An der Rendite kannst du wenig drehen — ein Welt-ETF liefert historisch ~7% und das ist schwer zu schlagen. Aber du kannst früh anfangen und du kannst durchhalten. Das ist die ganze Strategie.
Quellen
- MSCI: MSCI World Index — Historische Renditen seit 1969
- Scalable Capital: MSCI World Renditedreieck 1970–2025
- Berechnungen mit der Zinseszinsformel: FV = PV × (1 + r)^n, Sparplan: FV = PMT × ((1 + r/12)^(n×12) − 1) / (r/12)
Tipp: Probiere unseren Zinseszinsrechner aus und sieh selbst, wie der Zinseszins für dich arbeiten kann.