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10 Anfängerfehler bei der Geldanlage, die dich ein Vermögen kosten

Warum die meisten Anleger schlechter abschneiden als ein simpler ETF-Sparplan – und was du konkret anders machen kannst. Mit Zahlen, Quellen und ehrlicher Einordnung.

20. Februar 20268 min read

82.000€ — so viel kostet Prokrastination

Ich fange mit einer Zahl an, die mich selbst umgehauen hat, als ich sie zum ersten Mal durchgerechnet habe.

200€ im Monat, 7% durchschnittliche Rendite. Einmal ab sofort, einmal mit 5 Jahren Verspätung.

  • Sofort anfangen: 244.692€ nach 30 Jahren
  • 5 Jahre warten: 162.482€ nach 25 Jahren

Die Differenz: 82.210€. Nicht weil du weniger eingezahlt hast (12.000€ Unterschied), sondern weil dem Zinseszins 5 Jahre fehlen, in denen er hätte arbeiten können. Die Mathematik ist gnadenlos — die letzten Jahre eines Sparplans sind die wertvollsten, und die verlierst du, wenn du spät anfängst.

Was kostet dich Warten?

200€/Monat bei 7% Rendite über 30 Jahre. Wie teuer wird jedes Jahr Verzögerung?

Verzögerung5 Jahre
Sofort starten243.994 €
davon 171.994 € Rendite
5 Jahre warten162.014 €
davon 102.014 € Rendite

Kosten des Wartens

81.980 €

das sind 16.396 € pro Jahr Verzögerung

Probier den Rechner aus und schieb den Startpunkt mal um 10 Jahre nach hinten. Dann wird dir schlecht.

Das war Fehler Nummer 1 — und gleichzeitig der teuerste. Jetzt die restlichen neun.

Fehler 2: Investieren ohne Notgroschen

Februar 2020. Corona trifft die Märkte. Der MSCI World verliert in vier Wochen über 30%. Genau in dem Moment geht dir die Waschmaschine kaputt. 800€. Blöd gelaufen — du musst ETF-Anteile verkaufen. Zum schlechtesten Zeitpunkt. Mit Verlust. Plus Steuerstress.

Das passiert ständig, und es ist der Hauptgrund, warum Anfänger frustriert aufhören.

Die Regel: Bevor ein einziger Euro in einen ETF fließt, liegen 3–6 Monatsausgaben auf einem separaten Tagesgeldkonto. Nicht auf dem Girokonto (da gibst du es aus), nicht im ETF (da schwankt es), sondern separat, langweilig, sofort verfügbar. Das ist nicht verhandelbar.

Mehr dazu im Ratgeber zum Notgroschen.

Fehler 3: Market Timing

"Der Markt ist gerade zu hoch." Diesen Satz höre ich seit 2020. Seitdem hat sich der MSCI World fast verdoppelt.

Market Timing — also der Versuch, den perfekten Einstieg zu erwischen — klingt logisch, funktioniert aber nachweislich nicht. Selbst Profis scheitern daran. Die Daten aus dem J.P. Morgan "Guide to Retirement" sprechen eine klare Sprache: Wer zwischen 2003 und 2022 im S&P 500 investiert blieb, machte aus 10.000$ rund 64.844$. Wer die 10 besten Börsentage verpasste, landete bei nur 29.708$ — weniger als die Hälfte.

Das Perfide: Die besten Börsentage kommen fast immer direkt nach den schlechtesten. Wer im Crash aussteigt, verpasst die Erholung. Jedes. Einzelne. Mal.

Meine Einschätzung: Market Timing ist intellektuell reizvoll und emotional verständlich. Aber es ist ein Spiel, das du gegen Algorithmen, Hedgefonds und institutionelle Investoren spielst. Die haben mehr Daten, mehr Rechenpower und mehr Disziplin als du. Nimm diesen Kampf nicht an. Richte einen Sparplan ein und vergiss ihn.

Fehler 4: Zu hohe Kosten akzeptieren

Bei diesem Thema lohnt sich Nachrechnen besonders.

1,5% Fondsgebühren klingen harmlos. Sind sie nicht. Hier die Rechnung für 100.000€ über 30 Jahre bei 7% Bruttorendite:

KostenquoteNettorenditeEndwertVerlust
0,2% (ETF)6,8%720.000€
1,5% (aktiver Fonds)5,5%498.000€222.000€
2,5% (Fonds + Berater)4,5%375.000€345.000€

345.000€ Unterschied. Wegen 2,3 Prozentpunkten Kosten. Das ist kein Rundungsfehler, das ist eine Eigentumswohnung.

222.000€

Renditeverlust durch 1,5% Kosten über 30J

0,20%

Typische ETF-Kosten (TER)

Und das ist noch konservativ gerechnet — Ausgabeaufschläge, Transaktionskosten und Performance Fees kommen bei aktiven Fonds oft noch obendrauf.

Kosten sind der einzige Renditetreiber, den du als Anleger zu 100% unter Kontrolle hast. Nutz das.

Fehler 5: Das 12-ETF-Portfolio

12 verschiedene ETFs, dazu 5 Einzelaktien, ein Bitcoin, P2P-Kredite und ein Gold-ETC. Ein häufiges Muster bei Einsteigern.

Das Problem: Ein einzelner Vanguard FTSE All-World (IE00BK5BQT80) enthält bereits über 3.700 Unternehmen aus der ganzen Welt — Industrie- und Schwellenländer. TER: 0,22%. Wer dazu noch einen Europa-ETF, einen Schwellenländer-ETF und einen Small-Cap-ETF packt, hat massive Überlappungen und keinen echten Diversifikationsvorteil.

Dafür hat man: Rebalancing-Aufwand, mehr Transaktionskosten, steuerliche Komplexität und den permanenten Drang, an irgendeinem Rädchen zu drehen.

Unsere Einschätzung: Für 95% aller Privatanleger reicht ein einziger Welt-ETF als Aktienkomponente. Nicht weil mehr schlecht wäre, sondern weil mehr keinen messbaren Vorteil bringt — aber messbar mehr Arbeit und Fehlerquellen.

Fehler 6: Emotionale Entscheidungen

Hier wird es psychologisch, und hier verlieren die meisten ihr Geld.

Die Fondsgesellschaft DALBAR veröffentlicht jedes Jahr ihren "Quantitative Analysis of Investor Behavior" (QAIB). Die Zahlen für 2024 sind brutal: Der durchschnittliche US-Aktienfondsanleger erzielte eine Rendite von 16,54%. Der S&P 500 im gleichen Zeitraum: 25,02%. Das sind 848 Basispunkte Differenz — der zweitgrößte Gap der letzten Dekade (Quelle: DALBAR QAIB 2025).

Fast 9 Prozentpunkte Underperformance. Nicht wegen schlechter Fondsauswahl, sondern weil Anleger im falschen Moment kaufen und verkaufen. Sie ziehen Geld ab, wenn die Kurse fallen, und steigen ein, wenn die Rallye schon läuft.

Verlustaversion ist tief im menschlichen Gehirn verdrahtet. Verhaltensökonomen wie Daniel Kahneman haben gezeigt, dass ein Verlust von 1.000€ psychologisch etwa doppelt so schwer wiegt wie ein Gewinn von 1.000€. An der Börse ist das Gift.

Was hilft: Sparplan einrichten und nicht ins Depot schauen. Ernsthaft. Einmal pro Quartal reicht. Wer täglich sein Portfolio checkt, trifft irgendwann eine emotionale Entscheidung — und die ist fast immer falsch.

Fehler 7: Einzelaktien statt ETFs

"Ich kenn mich mit Autos aus, also kaufe ich VW-Aktien." Klingt logisch, ist aber ein Trugschluss. Produkte bewerten und Aktien bewerten sind fundamental verschiedene Dinge.

Ein paar Zahlen zur Einordnung: Von den 500 Unternehmen, die 1980 im S&P 500 waren, existieren heute nur noch rund 15% in vergleichbarer Form. Der Rest wurde aufgekauft, ging pleite oder schrumpfte in die Bedeutungslosigkeit. Nokia, Kodak, Wirecard, Credit Suisse — alle galten mal als sichere Bank.

Ein Welt-ETF fängt das automatisch auf. Geht ein Unternehmen pleite, fliegt es raus und wird ersetzt. Du musst nichts tun.

Unsere Empfehlung: ETFs als Fundament. Einzelaktien höchstens als Spielgeld — maximal 5–10% des Portfolios, und nur bei Unternehmen, deren Geschäftsmodell du wirklich verstehst (nicht: "deren Produkte du magst").

Fehler 8: Hypes jagen

Kryptowährungen 2021, Cannabis-Aktien 2018, Wasserstoff 2020, KI-Aktien 2023, Meme-Stocks zwischendurch. Die nächste Sau wird immer durchs Dorf getrieben.

Der typische Verlauf eines Hypes:

  1. Frühphase: Wenige Eingeweihte investieren, moderate Kursgewinne
  2. Medienphase: Schlagzeilen, TikTok-Videos, dein Friseur erzählt davon
  3. Euphorie: "Diesmal ist alles anders!" Alle kaufen — auch du
  4. Crash: −60% bis −90%
  5. Stille: Keiner redet mehr drüber

Wenn ein Trend bei dir ankommt, sind die großen Gewinne gemacht. Du bist nicht der Early Adopter — du bist die Exit-Liquidität.

Ich sage nicht, dass man Trends komplett ignorieren soll. Aber begrenze das auf Spielgeld, das du im schlimmsten Fall komplett abschreiben kannst.

Fehler 9: Steuern verschenken

Das hier kostet keine großen Summen, aber es ist unnötig ärgerlich — und leicht vermeidbar.

Ohne Freistellungsauftrag zieht dein Broker ab dem ersten Euro Kapitalertrag ~26,4% Abgeltungssteuer ab. Der Sparerpauschbetrag von 1.000€ (Singles) bzw. 2.000€ (Paare) bleibt ungenutzt. Das sind bis zu 264€ pro Jahr, die du dem Finanzamt schenkst — obwohl 2 Minuten Aufwand gereicht hätten.

Drei Dinge, die du sofort erledigen solltest:

  1. Freistellungsauftrag einrichten bei jedem Broker/Bank, wo du Erträge hast
  2. Genug Guthaben auf dem Verrechnungskonto für die jährliche Vorabpauschale (wird im Januar abgebucht, Basiszins 2026: 3,20%)
  3. Wissen, dass Aktien-ETFs eine Teilfreistellung von 30% haben — dein effektiver Steuersatz liegt damit bei ~18,5% statt 26,4%

Klingt trocken, macht aber über 30 Jahre mit Zinseszins mehrere tausend Euro Unterschied. Ausführlich erklärt im Steuer-Ratgeber.

Fehler 10: Finanz-Gurus folgen

YouTube, TikTok, Instagram — voll mit Leuten, die dir "finanzielle Freiheit in 5 Jahren" versprechen. Ich bin selbst auf YouTube aktiv, also sage ich das mit vollem Bewusstsein: Sei skeptisch. Auch mir gegenüber.

Warnsignale, bei denen du sofort weiterscrollen solltest:

  • "Garantierte 20% Rendite" — Gibt es nicht. Wenn jemand das verspricht, ist es Betrug oder Unwissen.
  • "Geheimer Tipp" — Wenn er geheim wäre, stünde er nicht auf YouTube.
  • "Melde dich für meinen 997€-Kurs an" — Die echten Grundlagen der Geldanlage passen auf eine DIN-A4-Seite.
  • "Passives Einkommen ohne Arbeit" — Existiert nicht. Auch Dividenden brauchen Kapital, das du erstmal aufbauen musst.

Seriöse Finanzbildung sagt dir immer das Gleiche: Breit streuen, Kosten minimieren, langfristig investieren, Emotionen raushalten. Das ist langweilig. Aber es ist das, was funktioniert — und dafür brauchst du keinen 997€-Kurs.

Gute Quellen zum Einlesen: Finanztip, Stiftung Warentest / Finanztest, die Bücher von Gerd Kommer.

Checkliste: So startest du ohne die typischen Fehler

Deine Investment-Checkliste

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Quellen

  • J.P. Morgan Asset Management: Guide to Retirement, 2023 Edition — Impact of missing market days
  • DALBAR Inc.: 2025 Quantitative Analysis of Investor Behavior (QAIB) — Average investor returns vs. S&P 500
  • S&P Global: SPIVA Europe Scorecard, Mid-Year 2025 — Active fund underperformance rates
  • MSCI: MSCI World Index Factsheet — Historische Renditen und Indexzusammensetzung
  • Kahneman, D. & Tversky, A.: "Prospect Theory: An Analysis of Decision under Risk" (1979) — Verlustaversion

Nutze unseren ETF-Sparplanrechner, um zu sehen, was ein einfacher Sparplan über die Jahre bewirken kann.